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Der wilde Garten | LUST
Lust,
einen WILDEN GARTEN zu durchstreifen ?!
REZENSION
Wolfgang Martin
Januar 2001
In Zeiten, wo sich Menschen medial ins Big Brother-Haus verkriechen und die deutschen Charts wochenlang auf ihrer höchsten Position verkünden: "Es ist geil ein Arschloch zu sein", tut frische Luft not.
Zugegeben, deutsche Hitparaden haben schon bessere Zeiten erlebt. Als im Sommer 1999 dank Wim Wenders kubanische Spitzenmusiker (Buena Vista Social Club) den europäischen Pop-Einheitsbrei "multi-kulturell" unterwanderten, fiel es Musikern und Publikum wie Schuppen von den Augen:
Weltmusik als Groove für die Milleniums-Wende, Handmade-Musik als Erholung für die vom Business-Stress geschundenen Seelen...
Da gab es vor zwei Jahren schon "DER WILDE GARTEN" - gegründet als Musiker-Kooperative ohne das häufig übliche Bestreben, alte Banderfahrungen in einer neuen Gruppe nostalgisch zu recyceln. "Das Leben ist Veränderung..." gilt noch immer als Maxime für die beiden Bandgründer Tino Eisbrenner und Georgi Gogow, deren Vielseitigkeit und Talente ohnehin nicht die Exklusivität eines einzigen Lebensjobs vertragen. Das journalistisch leidgeprüfte Schubfach "Weltmusik" öffneten sie so als irdische Chance, von anderen Projekten abweichende Gedanken und Klänge neu zu bündeln.
In Matthias (Felix) Lauschus und Manfred Hennig fanden sie kongeniale Partner für die Umsetzung ihrer Ideen.
Nun legen sie ihr zweites Album vor - LUST. Und die Metapher steht für jeden der 13 Songs, mit denen man lustvoll durch diesen WILDEN GARTEN streift.
Gelungen ist ein WELT-POP-MUSIK-Album!
Die Musiker "wildern" gekonnt in einem Garten, der viele Blüten und Farben zu bieten hat.
Da sind die vielen ethnischen Einflüsse fremder Musik-Kulturen, die sich manchmal spontan und improvisiert in die balladesken Popsongs integrieren.
Dabei kommt der Vorzug der Multi-Funktionalität aller Beteiligten zum Tragen: Eisbrenner schreibt Texte und singt sie in einer spannungsvollen Verdichtung von Chanson bis Rock.
Der aus Bulgarien stammende "Teufelsgeiger" Georgi Gogow macht seinem Namen alle Ehre: Von virtuos bis austobend, zieht er alle Register, die ein solch klangvolles Instrument wie die Violine überhaupt zu bieten hat. Hier verschmelzen Klassik, Folk und Rock auf fast einzigartige Weise.
Multi-Instrumentalist Matthias Lauschus bestimmt den percussiven Rhythmus und gibt einzelnen Songs die ideenreiche Würze, wenn er die Trompete bläst, im Satz oder Background als Sänger zu hören ist.
Schliesslich "Manne" Hennig - Electronic - und Rock-erprobtes Keyboard-Urgestein, dessen Sound aber immer die "Gewichtung" hält.
DER WILDE GARTEN wäre nichts ohne seine Gastmusiker: An erster Stelle - und fast festes Bandmitglied - der Akkordeonvirtuose Tobias Morgenstern, dessen Einfälle grandios zu nennen sind. Sein Spiel schmiedet Herz und Seele der Songs zusammen. Jene tänzelnd-romantische Süffigkeit eines argentinischen Tangos, französischen Chansons oder lateinamerikanischer Beschwingtheit steigern den Genuss der Songs in diesem Garten ganz beträchtlich.
Der "Chan Chan" des Buena Vista Social Club`s in einer adäquaten und doch eigenen Version des WILDEN GARTEN`s erstrahlt mittendrin als Lieblingsblume des Besuchers. Doch das kann natürlich auch jedes andere der 13 Songs auf dem Album LUST sein.
Lustvoll hört man ihnen zu - und ist man schon bei der wunderschönen Schlußballade angelangt - von jenem "Magier", der den Traurigen und Deprimierten in dieser eigenartigen Werte-Welt Mut verspricht - möchte man nur eine kurze Pause machen ... und dann das Album gleich noch einmal von vorn hören.
Wolfgang Martin
Januar 2001
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